Auf Vaters Spuren

Seit Jahren, im Grunde seit dem ich denken kann, erzählt mir mein Vater davon wie er als Jugendlicher von Leipzig nach Coswig gefahren ist. Und da das zu DDR-Zeiten war und es ja nichts gab, nahm er das Fahrrad.

Das Wichtigste war dabei der Teil mit der Autobahn. Denn als er in Wörlitz ankam, stand dort dass ausgerechnet jetzt die Fähre außer Betrieb war. Also ab über Vockerode und dort über die Autobahn. Ja, genau, mit dem Fahrrad über die Autobahn.

Nun ja seit dem es mich nach Leipzig verschlug hab ich mir vorgenommen diese Strecke auch mal zu fahren, auch mit dem Rad. Bisher ergab es sich allerdings noch nicht. Doch nun sollten Sonne, Mond und Mars in einer für das Vorhaben günstigen Konstellation stehen. Ich hatte ein halbwegs anständiges Fahrrad, genügend Zeit und eine Möglichkeit zurück zukommen.

Also, auf den Bock und fertig los.

Gesucht wird:
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Rakete
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Bequemerweise (für die Nachbearbeitung) wollte ich auf meinem neuen Telefon den SportsTracker nutzen um meine gefahrene Strecke aufzuzeichnen. Nach einer halben Stunde, ergebnisloser Suche (Cyanogenmod fetzt nicht!) beschloss ich ohne HighTech zu reisen. So diente das Smartphone nur als Taschenuhr und mp3-Player. Reicht ja.

Klein-Litauen

Der schlimmste Abschnitt war der vom Start bis nach Delitzsch. Nach fünf Minuten hatte ich mich bereits mit einem DHL-Kurier in den Haaren. Der Heini hat es tatsächlich geschafft sein gelbe Postkutsche quer über Rad- und Fußweg zu stellen. (eigentlich bin ich sehr nachsichtig mit Paketboten, da ich weiß wie schwer der Job ist, aber eine Idiot bleibt ein Idiot egal welche Uniform er trägt)

Diverse Nahtoterlebnisse und rote Wellen später war ich raus aus der Messestadt auf dem Highway nach Deltzischcity, Die dortige Landstraße erinnerte mich an unsere letzte Paddeltour über die Elbe, d.h. Wind, nicht zu knapp und natürlich von vorn.

Hart am Wind ging es über Felder wo die Treckerfahrer gemeinsam Mittagspause machten und immer schön mit Sand in den Augen und 30Tonnern die an Backbord überholten.

Delitzsch kannte ich bis jetzt nur von der Durchsage in der Bahn und meistens war man froh wenn die Türen dort wieder zu gingen. Alles in allem aber sehr unspektakulär. Wenn man mir den Ortsausgang auf Fotos gezeigt hätte, dann hätte ich getippt, dass die Aufnahmen in Litauen gemacht wurden. (das ist nicht abwertend gemeint, jeder der mich kennt weiß wie sehr ich den kleinen baltischen Staat und seine Bewohner mag, und das geile Futter natürlich)

Into the wild

Hinter Delitzsch wurde es dann schöner zu fahren. Es ging auf einen ausgewiesenen Radweg durch Tagebaurestlöcherseen (dürfte das längste Wort des Artikels werden) und in die Goitzsche Wildnis. Landschaftlich ist die Gegend sehr sehr schön. Dichte Wälder, große Seen, Ruhe (die ich aber nicht hörte weil mittlerweile KoRn im mp3-Player lief) und Landschaften die super geeignet wären einen Horrorfilm zu drehen. Grau gewordene Birkenstämme die wie Stehlen aus dem Wasser ragen bieten ein Bild mit gewissem Endzeitstimmungscharme, ohne jedoch hässlich zu sein.

Durch die Wälder und den dadurch fehlenden Wind ging die Fahrt auch gleich viel flotter voran und im Handumdrehen war ich an der Goitzsche. Das erste Hochgefühl stellte sich ein, da ich zumindest nach meiner groben Schätzung jetzt ungefähr die Hälfte der Strecke rum hatte und ganz gut in der Zeit lag.

Prinzipiell hatte ich zwar keine Zeitnot, aber ich wollte ja nicht wie mein Vater einst über die A9 radeln. Die 15min Ruhm hätte ich mir gern erspart. Auch wenn es sicher landesweit im Verkehrsfunk Erwähnung gefunden hätte, dass grad ein Lebensmüder mit seinem Trekkingrad über den Standstreifen der A9 bei Coswig jagt.

Daher wollte ich spätestens 3/4 6 (17:45Uhr für evtl. westdeutsche Leser)  an der Elbfähre sein.

Trotzdem. Eine richtige Pause hatte ich mir verdient und nötig war sie auch. Also, Stullen raus und auf ’ne Bank im Hafen gepflanzt. 2 Fischtäbchensandwiches und 30 Minuten später hab ich meinen bereits angeschlagenen Hintern wieder auf dem Sattel ausgerichtet und weiter ging die wilde Fahrt.

Irrfahrt durch Sachsen-Anhalt

Es ging nun über Friedersdorf und laut vorher berechneter Route sollte es dann von Muldenstein nach Möhlau gehen. Blöd war nur, dass ich den Abzweig nach Möhlau übersehen hab. Also rollte ich irgendwann in Alt-Jessnitz ein und wurde dort mit fisseligem Pissregen empfangen. Wohlwissend dass ich nicht ganz richtig sein kann (manchmal zeigt einem sowas das Wetter) hab ich einen netten alten Herren bei seinem Zeitungsverteiljob unterbrochen gefragt wie ich von hier nach Oranienbaum komme. „Da sinn se janz falsch!“ „Da fahrn se am bestn über Rajuhn (dt: Raguhn) und dann nach Retzau“. (der Ort sieht schöner aus als er heißt)

Ich bedankte mich artig und steuerte den vorgeschlagenen Weg an. Eins wollte ich unbedingt noch erwähnt haben: Muldenstein ist ein nettes kleines Örtchen welches mit seinem kleinen ehemaligen Kloster und der Nähe zum Elsterstausee und der Goitzsche viel zu bieten hat.

Wenn man ein Blick auf die Karte wirft kann man sehen, dass ich einen ordentlichen Bogen gefahren bin, den ich mir gern erspart hätte, aber der Weg war ja irgendwo auch das Ziel. So hätte ich wieder einige Sachen nicht gesehen hätte ich diesen „Umweg“ nicht gemacht.

Oboom

Oranienbaum wird hierzulande von den wenigstens beim richtigen Namen genannt. Ob das mit einer tief verwurzelten Abneigung aus fußballerischer Sicht mit den Namensgebern dieses Ortes zu tun hat oder einfach nur aus Bequemlichkeit geschieht, weiß ich nicht – iss halt so.

Und obwohl Oboom eigentlich ein wirkliche Perle ist, mit Schloss und Orangerie, trieb es mich, nach nun mittlerweile guten 4 Stunden im unbequemen Sattel, nach Norden in Richtung Heimat. Wörlitz wurde auch rechts liegen gelassen und die 3,70€ in meiner Jackentasche ließen mich auf ein kleines Radler freuen, welches ich mir auf der Elbterasse gönnen wollte. Doch da hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Um wahnwitzige 2,70€ wollte man mir in dem leeren Lokal erleichtern für ein kleines Radler. Jetzt musste eine Entscheidung her: wohlverdientes und überfälliges Radler (die Wasserflasche war kurz vor Oboom geleert) und dann doch noch über die A9 und in die Spätnachrichten oder mit trockener Kehle und mittlerweile losem Sattel die Fähre nehmen.

Ich lies mir dann zu Hause ein frisches, selbstgemischtes Radler schmecken, da war’s kostenlos. (zumindest für mich)

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2 Kommentare

  1. Geiler Bericht. Aber Die Elbe kann man durchaus über die Autobahnbrücke passieren. Ein gut ausgebauter Fahrradweg der m.E. in den Elberadweg integriert ist verhindert die Gefahr eines plötzlichen lokalen Berühmtheitsstatuses durch die Lokalnachrichten

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